Fragen an Matthias

freie Software -Finanzierung

freie Software -Finanzierung

von Kathrin Scholz -
Anzahl Antworten: 5

Hallo Matthias,

ich bin gerade dabei, mich mit dem Gedanken freier Software anzufreunden. Ich bin Ausbilderin im kaufmännischen Bereich und bezeichne mich manchmal als "leidenschaftlicher Buchhalter" Das Rechnungswesen ist einfach mein Metier. Daher drängt sich bei mir die Frage auf, wie sich freie Software finanziert. Und wieso gerade freie Software besonders datensicher sein soll.

Kannst Du mir da einen Denkanstoß geben? Momentan scheint mir das unlogisch zwinkernd

Dein Beitrag hat mich sehr angesprochen.

Antwort: freie Software -Finanzierung

von Matthias Baran -
Hallo Kathrin,

Deine Fragen tippen an grundlegendes Terrain.

Natürlich ist auch Freie Software mit teils immensem Aufwand verbunden.

Zuerst einmal aber: Freie Software ist kein Produkt/Wirtschaftsgut im marktwirtschaftlichen Sinne. Niemand kann sie in Besitz nehmen, einschränken und gegen Geld zuteilen. Niemand hat Interesse, sie mir zu verkaufen. Es gibt folgerichtig kein konzertiertes Marketing, keine lautstarke Lobby. Sie ist einfach da und steht allen frei zur Verfügung. Sie ist Gemeingut.

Wie machen wir das mit Gemeingut sonst? Wie ist das in Wissenschaft und Forschung und mit deren Erkenntnissen? Oder noch greifbarer, mit öffentlichen Gütern wie Straßen, Plätzen, Parks, Spielplätzen? Warum sollten wir das brauchen, wo es doch Freizeitparks gibt und Shopping-Malls? Und wie gehen wir damit um? Was haben wir davon und wer ist dafür verantwortlich? Sind unsere Parks und Spielplätze per se attraktiv und sicher? Was brauchen wir dafür, wie regeln wir das?

Natürlich ist Freie Software auch Werkzeug. Es muss geschärft, gepflegt, geübt und benutzt werden. Als solches ist es wertfrei – nicht nur im geldwerten, sondern auch im Anwendungs-Sinn. Gute, förderliche Dinge lassen sich damit genauso anstellen, wie Unsinn und Destruktives. Sicher und stabil ist sie, wenn wir sie dazu machen – so, wie die Kinderschaukel auf dem Spielplatz oder der öffentliche Raum in der Stadt. Das passiert nicht von allein.

Wer trägt den Aufwand, wer bezahlt das?

Unzählige Menschen haben für die Lösung von konkreten Aufgaben und mit ganz unterschiedlicher Motivation Software entwickelt, von einfachen Skripten und Makros bis zu komplexen Anwendungen. Sie leisten sich dann, diese Funktionalitäten auch anderen für ähnlich gelagerte Sachen frei zur Verfügung zu stellen. Bei Software geht das gut. Anders als bei realen Produkten, lässt sich ein einmal entwickeltes Programm nahezu unendlich skalieren. Dabei sinkt umgekehrt proportional zur Zahl der Kopien der urspüngliche Entwicklungsaufwand in mikroskopische Verhältnisse. Anders als bei kommerzieller Software, wird dieser Gewinn aber nicht zentral über Lizenzen abgeschöpft, sondern lässt mich direkt profitieren, indem ich diese Freie Software dann ohne Einschränkungen verwenden kann.

Der gemeinschaftliche Mehrwert dabei ist enorm und resultiert nicht nur aus der Kostenersparnis, sondern z.B. auch aus der Transparenz der Algorithmen – ähnlich, wie in Wissenschaft und Forschung.

Das ist uns im Wirtschaftskontext gerade aus „Verbrauchersicht“ heute oft überraschend fremd und scheint nicht so recht zu den Spielregeln einer Marktwirtschaft zu passen. Warum sollte jemand das Ergebnis seiner Arbeit frei zur Verfügung stellen? Wie kann das gehen?

Viele Wirtschaftsunternehmen sind da hellsichtiger, haben das Potential Freier Software für sich entdeckt, profitieren von den Synergie-Effekten bei deren Entwicklung und Praxis-Einsatz und bestimmen aktuell maßgeblich viele Projekte. Rund um Freie Software sind profitable Ökosysteme aus digitalen Produkten und Dienstleistungen entstanden.

Wie viel mehr Gewinn, über abstrakte Geldversammlung hinaus, wird noch entstehen, wenn wir uns gesamtgesellschaftlich für digitales Gemeingut engagieren, wenn nicht Wachstum, sondern eher wissenschaftliche, technologische, kulturelle, und damit natürlich auch nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung cool sind.

L.G.
Matthias

Freie Software und Unterneh

von Matthias Baran -

P.S.:
Die Vorstellung, dass Du Freie Software in einer regulären Buchhaltung überhaupt nicht verbuchen könntest, obwohl sie reguläres Arbeitsmittel ist, finde ich lustig. Schließlich hat sie ja keinen Anschaffungs-/Lizensierungs-Preis und lässt sich somit auch nirgends abschreiben oder gegenrechnen.

Die Kosten zur Installation, Pflege, Absicherung, Weiterentwicklung und für Schulung, Training, Service und diverse Dienstleistungen sind aber sehr wohl geldwert und sollten von Anfang an mit im Blick sein – mindestens in vergleichbarem Umfang zu dem der kommerziellen Pendants. Überhaupt spielt in diesem Bereich die Lizenz eine untergeordnete Rolle, wenn überhaupt. Dort geht es um das Tun, den Wert der geleisteten Arbeit, die fachliche Kenntnis, nicht um die Arbeitsmittel und deren Finanzierungsmodell.

Unternehmerisches Denken ist im Kontext Freier Software absolut gefragt.

Ich finde die Vorstellung spannend, dass bei der Entwicklung von neuen Ansätzen und nachhaltigen Unternehmensideen auf Basis gemeinschaftlicher Arbeitsmittel natürlich ebenso eine ganz rationale schlüssige betriebswirtschaftliche Kalkulation gelingen kann …

Antwort: Freie Software und Unterneh

von Kathrin Scholz -
Hallo Matthias,
vielen Dank für Deine schnelle Antwort.
Darüber muss ich noch nachdenken, ich kann mir nicht so recht vorstellen wie das praktisch geht.
Aber offensichtlich funktioniert es ja…
Sonnige Grüße
von Kathrin Scholz

Antwort: freie Software -Finanzierung

von Sabine Otter -

Hallo Matthias und deine Antwort ist eine wunderbare grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Thema OpenSource, die Argumente liefert für die Kommunikation mit denen, die Entscheidungen treffen! Vielen Dank!! 🤗

Sabine

Antwort: freie Software -Finanzierung

von Matthias Baran -
Hallo Sabine,

ich danke Dir!

Es ist wirklich nicht leicht zu vermitteln, warum denn die Arbeitsmittel frei sein sollen, wo doch deren Entwicklung, Gestaltung und Pflege, die Bildung und die Arbeit damit verantwortet und bezahlt werden müssen. Bei genauer Betrachtung gibt es die auch nicht für lau. Sie sind nur schon bezahlt – mit dem Aufwand der Arbeit, der schon in ihnen steckt und der weiterhin in sie investiert werden wird.

Man muss es einfach machen und erleben, dann versteht man es besser und sieht mehr und mehr die vielen Freiheitsgrade und Perspektiven. Es hat sicher auch viel mit Neugier, Engagement, Kreativität und Gestaltungswillen zu tun. Und ein erster Schritt zieht zwei weitere nach sich… Das kann schon mal Befürchtungen wecken und Vorurteile schüren. Es geht nicht ohne Mühe und im Durchmarsch. Aber das geht erfolgreiches Lernen und Arbeiten doch eigentlich nie.

Im Detail sieht man auch, dass es *die* Freie Software gar nicht gibt. Die Motivationen dahinter sind sehr unterschiedlich, genauso wie ihre jeweiligen aktuellen Ausrichtungen. Und was ich für mich daraus mache, ist wiederum noch eine andere Baustelle. Der Clou ist nur, dass mir all diese Bausteine direkt frei Haus zur Verfügung stehen.

Anders, als es die Offenheit und freie Verfügbarkeit vielleicht nahelegen, geht es in meinen Augen auch keineswegs um Beliebigkeit nach dem Prinzip „Freibier für alle!“, um die Abschaffung von Wert. Ganz im Gegenteil, es geht um die Auffächerung und Bereicherung des Wertbegriffs. Wenn mir der Zugriff auf die (digitalen) Arbeitsmittel offen steht, schwenkt der Fokus vom Haben auf das Tun. Wie viel wert ist mir das?

Dann auch betriebswirtschaftlich verantwortungsvoll und gleichzeitig kreativ zu handeln, ist die Kür. Da steckt viel Raum für Unternehmertum!

L.G.
Matthias